Kann politische Arbeit im Parlament von guter Führungs- und Teamkultur profitieren?

Seit Ende April 2026 bin ich Mandatsträgerin im Stadtparlament meiner Kleinstadt und Mitglied der Fraktion Bündnis90 / Die Grünen. Natürlich habe ich mir zuvor sorgfältig überlegt, ob ich mich zur Wahl stellen möchte. Aber auch hier - wie bei so vielen Entscheidungen im Leben, hat man zwar vor einer Veränderung eine Idee, was einen danach erwartet, aber natürlich keine Details, wie es genau sein wird, wie man sich fühlen wird und was das „Neue“ mit einem machen wird.

Des Weiteren nimmt man die neue Situation durch seine ganz persönliche Brille wahr. So sind die ersten Eindrücke meiner kommunalpolitischen Arbeit nicht vorrangig durch Sachthemen oder unterschiedliche fachliche und politische Positionen dominiert, sondern durch Beobachtungen von Kommunikations- sowie Verhaltensmuster der handelnden Personen. Mein Blick aus systemsicher Perspektive läuft quasi immer mit.

Meine Grundwerte - wie wertschätzende Kommunikation und Augenhöhe - werden durch die anderen Fraktionen in jeder Stadtverordnetenversammlung mehrfach verletzt. Gleichzeitig empfinde ich Freude bei den Debatten und dem Streiten im Parlament.

Das neue Umfeld verwirrt mich kontinuierlich. Ich nutze diese Phase dafür, mich im Umgang mit Neuem und Ungewissem zu beobachten. Noch gibt mir die Gesamtsituation mehr Energie als sie mir Kraft nimmt. Das führe ich darauf zurück, dass durch mein Eingebundensein in der Fraktion, ich auch ein starkes „Wir-Gefühl“ erlebe, was ich in den letzten 11 Jahren meiner Solo-Selbstständigkeit vielleicht mehr vermisst habe, als es mir bewusst war.

Meine Beobachtungen in diesem neuen Umfeld gehen über eine reine Selbst-Beobachtung hinaus. Regelmäßig frage ich mich, wie die anderen Fraktionen es mit der Selbstorganisation halten, wie viel Delegation und Verantwortungsübernahme die jeweilige Fraktionsführung zulässt. Wann persönliche Meinungen und Sichtweisen geschildert werden und wann der Fraktionszwang greift. Der Begriff Rollenklarheit hat in diesem für mich neuen Kontext eine ganz andere nun viel höhere Bedeutung bekommen.

Rollenklarheit ist wiederum ein Aspekt, der für mich persönlich eine große Relevanz hat. Wie gut bekomme ich das hin, den Menschen, der mich im Parlament (in seiner Rolle als Fraktionsmitglied) sehr unfreundlich angegangen hat, auf der Straße, im Café oder beim nächsten Stadtfest, als Privatmensch zu sehen? Was kann ich tun, um es den anderen leicht zu machen, mich auf der Straße in meiner Rolle Nachbarin zu sehen, und im Parlament als Oppositionspolitikerin?

Vorläufig bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Mechanismen und Haltungen, die im Unternehmenskontext hilfreich sind, auch im parlamentarischen Kontext sinnvoll wären. Ich möchte das an 3 Aspekten fest machen:

  1. Silodenken richtet Schaden an: die „neue“ Erkenntnis in der Unternehmensführung, dass Silodenken einzelner Abteilungen oder Bereiche den Erfolg des Gesamtunternehmens schmälert, lässt sich aus meiner Sicht auch auf die parlamentarische Arbeit übertragen. Ich bin überzeugt davon, dass die Berücksichtigung aller Perspektiven (und aller Fraktionen) zu einer besseren Lösung für die jeweilige Kommune führt. Silodenken einzelner Fraktionen übersieht nach meiner Überzeugung Ideen, Bevölkerungsgruppen und Lösungsansätze.
  2. Mehrdeutigkeiten aushalten: Natürlich führen unterschiedliche Perspektiven zu mehr Komplexität und damit zu Mehrdeutigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Als Mandatsträger:in die eigene Perspektive im Parlament zu vertreten und dafür einzustehen gepaart mit der Bereitschaft zur Kompromissfindung ist die Königsdisziplin der Demokratie und findet sich ebenso in partizipativer Unternehmensführung.
  3. Rollenklarheit: Eine saubere Trennung von Rolle und Mensch ist in allen Kontexten nötig: bei der Kindererziehung, in der Unternehmensführung als auch beim Agieren als Mandatsträger:in als Teil einer Fraktion im Parlament. Die Kunst für das eigenen Handeln liegt in der inneren Klarheit, aus welcher Rolle heraus ich gerade agiere. Im Umgang mit anderen liegt die Herausforderung darin zu erkennen, in welcher Rolle die andere Person im jeweiligen Moment handelt und gleichzeitig das Individuum dahinter zu sehen mit der Annahme: „der Mensch ist gut“.  Für mich schließt Rollenklarheit nicht aus, dass man als Mensch noch durchscheint und damit die viel besprochene Authentizität zeigt. 


Mein Fazit: Ich muss anerkennen, dass mich mein neues Ehrenamt doch recht umfänglich beschäftigt. Es sind zum einen die vielen inhaltlichen Themen, in die ich mich noch einarbeiten muss, und der ständig mitlaufende Vergleich von guter Unternehmensführung zur Arbeit im Parlament. Mein Urteil in diesem Moment lautet, dass politische Arbeit über Fraktionen hinweg sehr wohl von guter Führung und Teamkultur profitieren kann. Ich halte Euch auf dem Laufenden, ob ich bei dieser Einschätzung auch in Zukunft bleibe!


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