In der Rolle Veränderungsbegleiterin und Führungskräftecoach, arbeite ich seit letztem Jahr mit Führungskräften, die in einem Gefängniskontext beziehungsweise im Justizvollzug tätig sind. Sie sind in der Personalabteilung, in der Rechtsabteilung, im Finanzbereich und auch in Gefängnisleitung und im Vollzug direkt tätig.
Die Begriffe „Zutrauen und Vertrauen“ spielen eine zentrale Rolle in den von mir und von meinen Kolleg:innen erbrachten Führungskräftetrainings sowie in dem Programm zur Kulturveränderung als Ganzes. Ich muss gestehen, dass es mir lange Zeit Rätsel aufgegeben hat, wie diese Begriffe beziehungsweise Werte „Zutrauen und Vertrauen“ in den Gefängniskontext passen. Ich fragte mich, haben es diese Menschen in unseren Trainings nicht tag täglich mit Straftäterinnen und Straftätern oder zumindest Verdächtigten zu tun? Wie kann es ihnen gelingen, Vertrauen zu schenken und zuzutrauen?
Zunächst habe ich mir mit der Brücke geholfen, dass die Führungskräfte, die in die Trainings kommen, diese Werte nur auf ihre eigenen Mitarbeitenden anwenden nicht aber auf die Inhaftierten. Dann passte für mich wieder alles zusammen: gute Führung funktioniert nun Mal in meinem Weltbild mit Vertrauen, Delegieren und Empowerment, und zwar in allen Kontexten.
Allerdings haben sich weiterhin leise Zweifel bei mir eingeschlichen, nämlich, wie denn in einem solchen Umfeld mit Fehlern umgegangen wird - Stichwort Fehlerkultur. Denn ein Fehler, den ein Mitarbeitender macht, könnte ja ein Sicherheitsrisiko für einen Kollegen oder eine Kollegin sein.
Zwei Besuche in Justizvollzugsanstalten später, habe ich Antworten auf meine Fragen bekommen sowie Zweifel angebaut.
Ich durfte beobachten, wie stark bei den Mitarbeitenden der ersten Einrichtung, die ich besucht habe, die Überzeugung vorherrscht, dass jeder junge Mensch eine zweite, dritte und vierte Chance verdient, zum Beispiel indem er oder sie eine handwerkliche Ausbildung machen kann, obwohl eine geschlossene Haft richterlich angeordnet wurde. Man kann sich kaum vorstellen, wie aufwendig es ist, diese Möglichkeit zu schaffen: es muss die Sicherheit aller immer im Auge behalten werden, dadurch ist der Ausbilderschlüssel sehr hoch und die Abläufe müssen äußerst strukturiert eingehalten werden.
Mich hat zutiefst beeindruckt, wie stark der Wille bei den Mitarbeitenden ist, trotz aller Widrigkeiten, die Inhaftierten mit Würde, Menschlichkeit und Zutrauen zu begleiten.
Mein zweiter Besuch führte mich in eine Untersuchungshaftanstalt. Diese unterschied sich zunächst einmal von der ersten dadurch, dass für alle Inhaftierten die Unschuldsvermutung gilt. Die Betreuer dieser Einrichtung schilderten, wie diszipliniert sie sich immer wieder selbst dazu aufrufen, dieser Unschuldsvermutung den Vorrang zu geben, egal wie schwer die Delikte sind, die den Inhaftierten vorgeworfen werden. In dieser Einrichtung spielte das Wort Vertrauen aus meiner Sicht eine besonders große Rolle: nach und nach hatten die Betreuer gemeinsam mit der Gefängnisleitung und der Leitung Vollzug die Regeln für die Inhaftierten gelockert. Durften die Inhaftierten zuvor nur eine Stunde am Tag ihre Zelle verlassen und das zeitlich versetzt, so dass sich immer nur wenige Inhaftierte begegnen konnten, dürfen sie sich stand heute sechs Stunden am Tag zur gleichen Zeit frei im Gebäude bewegen. Das heißt, alle ca. 50 Inhaftierten können sich täglich begegnen, sie können Sport treiben, wann sie möchten, sowie ihre Arzt- und sonstigen Termine selbstständig wahrnehmen. Außerdem können die Inhaftierten zwei Mahlzeiten am Tag gemeinsam wahrnehmen. Meines Wissens haben sich diese „Öffnungen“ zu mehr Selbstbestimmtheit der Inhaftierten in jeder Hinsicht bewährt. Unter anderem spart die erhöhte Selbstständigkeit der Inhaftierten den Betreuern und Betreuerinnen eine Menge Arbeit, sodass diese zum Beispiel mehr Zeit für die weitere Neu-Gestaltung der Abläufe des Gefängnisses aufwenden können.
Für mich war es ein Aha-Erlebnis mit wie viel Wertschätzung, Augenhöhe, Einfühlungsvermögen, Zutrauen und Mut die Betreuer ihre Arbeit im Justizvollzug leben - in diesem Fall in einem Untersuchungsgefängnis. Ich kann jetzt erahnen, dass das alles nur möglich ist, indem sie auf Beziehungsaufbau zu den Inhaftierten setzen. Das Arbeiten über Beziehungsaufbau wiederum stellt nach meinem Verständnis auch gleichzeitig einen Teil des Sicherheitskonzepts dar. Denn die Inhaftierten wissen selbst, dass die „Freiheiten“, die sie genießen, ein Entgegenkommen darstellen, welches jederzeit zurückgenommen werden kann, wenn sie das Vertrauen missbrauchen sollten. Mir hat das wieder einmal gezeigt, dass wir Menschen über Vertrauen viel mehr Gutes erreichen können als über Kontrolle und Bestrafen, selbst im Umgang mit Menschen, die sich nicht an die Rechtsstaatlichkeit gehalten haben, und natürlich sowieso im Führungsalltag.
Spätestens nach diesem zweiten Besuch in einer Haftanstalt habe ich die Bestätigung erhalten, dass es möglich ist, Vertrauen in jedem Kontext einzusetzen.